Der OCC – Ein kleiner Traum wird wahr

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Als ich im September 2015 im Pitztrail Trailrunning Camp das erste Mal das Video von Bruno Poulnard über seine Teilnahme und das Finish beim CCC sah, war es tatsächlich um mich geschehen. Völlig von diesem Event fasziniert, war es damals für mich völlig unvorstellbar, dass jemand überhaupt 100 km am Stück laufend zurücklegen kann. Geschweige denn, dies mit einer Sammlung von etwas über 6000 Höhenmetern über diese ca. 100 km zu schaffen.

Ich hatte danach immer wieder vom UTMB, der Stimmung und dem besonderen Geist in Chamonix gelesen und gehört, was bei mir langsam den Wunsch reifen ließ, selbst dort einmal an einem der Rennen teilzunehmen. Insgeheim hatte ich dabei immer das Video von Bruno im Kopf und den lange Zeit unrealistischen Traum, einmal in meinem Leben den CCC zu bestreiten.

UTMB ist die Kurzvariante für Ultra-Trail du Mont Blanc. Der UTMB wird seit 2003 ausgetragen. Er hat eine Streckenlänge von ca. 170 km und führt von Chamonix nach Chamonix einmal um das Mont Blanc Massiv, über Italien und die Schweiz zurück nach Frankreich. In den letzten 10 Jahren kamen auch die “kürzeren” Strecken wie der OCC und der CCC hinzu. Die Großbuchstaben bezeichnen dabei immer signifikante Streckenpunkte:
OCC: Orsières – Champex – Chamonix (ca. 56 km)
CCC: Courmayeur – Champex – Chamonix (ca. 100 km)
Quelle: WIKIpedia – Ultra-Trail du Mont-Blanc

Nach weiteren Starts beim RAG Hartfüßler Trail in 2017 und 2018 hatte ich schließlich genug Qualifikationspunkte beisammen, um mich zumindest beim OCC zu bewerben, was ich dann auch jeweils für 2017 und 2018 tat. Leider immer ohne den versprochenen Erfolg, wie sich aber in der Nachbetrachtung zeigte, jedoch völlig passend zu meinen jeweiligen Lebensumständen. Mein Vater hatte in beiden Jahren jeweils zum Spätsommer Schlaganfälle davongetragen und sein schlechter Gesundheitszustand belastete mich stark.

Nach zwei vergeblichen Versuchen war dann klar, dass ich bei der dritten Anmeldung automatisch einen Startplatz für den OCC 2019 erhalte, was bei mir, trotz der Klarheit dieses Anmeldeprozesses, ein wenig Überforderung mit der Situation entstehen ließ. Aber schließlich kam dann unendliche Vorfreude auf und ich begann sofort ein Zimmer zu organisieren.

Auf nach Chamonix

Ende August 2019 war es dann schließlich so weit: Anreise nach Chamonix, Ankunft, Parkplatz suchen, Zimmer beziehen. Ortsrundgang: Wo bekomme ich meine Startnummer? Wo fährt der Bus nach Orsières ab? Wo bekomme ich etwas zu Essen?

Verrückt, wie perfekt organisiert diese Megaveranstaltung ist. Man hat sich im Vorfeld ja schon mit der Anmeldung registriert und seine Mobilnummer hinterlassen. Einen Tag bevor man seine Startunterlagen abholt, bekommt man dann den Zeitslot per SMS genannt, in dem man im Sportzentrum erscheinen soll, um die Unterlagen abzuholen und mit welcher Pflichtausrüstung das bitte zu passieren hat. Auch wenn die Schlange lang war, so ging alles sehr gesittet und reibungslos ab, so dass dann doch alle relativ schnell durch die Kontrolle und Ausgabe der Startunterlagen durch waren.

Chamonix, wohl im Winter von Wintersportfreunden überbevölkert, ist in der Woche des UTMB voll mit Läufern und deren Anghängerschaft. Rechnet man das auf die Events YCC, MCC, PTL, TDS, OCC, CCC und UTMB hoch, ist man bei ca. 10.000 Läufern in Chamaonix und Umgebung. Angenehm ist die Nähe zum Who is who der Ultratrail Szene. Hier kann es Dir passieren, dass die Stars der Laufszene – und hier spreche ich nicht nur von den Läufern, sondern auch von Filmemachern, Bloggern, Youtubern und Podcastern – direkt neben Dir in einem Café sitzen, mit Dir plaudern und dabei sehr normal – eben nur Laufverrückte – sind.

Abends vor meinem Start dann der Zieleinlauf des TDS. Pablo Villa, auf dem besten Weg, das Ding zu gewinnen, befindet sich im letzten Abstieg. Das kann ich bequem von meinem Bett auf meinem Tablet verfolgen. Doch wegen der nur knapp 100 Meter Nähe der Zielbrücke zu meinem Hotel, lasse ich es mir schließlich nicht nehmen, die Ankunft unter tosendem Applaus gegen 22 Uhr live zu verfolgen. Wenn auch ein wenig spät für mich und den bevorstehenden Start, aber dennoch eine ganz besondere Atmosphäre.

Und noch einmal – Auf nach Chamonix

Die Nacht war unruhig und aufgeregt. Ich bin vor meinem Wecker wach und mache mich fertig. Käffchen, Frühstück, Rucksack auf und ab zum Bus. Wir fahren im Dunkeln nach Orsières. Dort angekommen, sammeln sich schon einige Läufer im Ort. Mein erster Weg zieht mich in die Kirche von Orsières, obwohl ich nicht besonders religiös bin, aber dieser Ort gibt mir Ruhe und Zuversicht. Ich bedanke mich, dass ich mit 53 Lebensjahren körperlich, emotional und finanziell in der Lage bin, solch einen Lauf zu bestreiten und begebe mich zum Marktplatz, der sich allmählich füllt. Ich habe den Eindruck einige hier sind noch viel aufgeregter als ich es bin, vor allem jüngere Läuferinnen und Läufer.

Es wird langsam voll und die Pre-Race-Ansage beginnt. Wir erfahren warum wir um 8:15 Uhr starten. 8:15 Uhr ist Schulbeginn und die Schulkinder in Orsières haben Plakate gemalt, um die Läufer nach dem Start zu begrüßen und abzuklatschen. Ich bekomme einen Kloß in den Hals. Die Elite wird gebeten sich in die Startbox unter der Startbrücke zu begeben. Dann Runterzählen und los geht’s. Der Autobus der unzähligen Läufer setzt sich langsam in Bewegung. Viele gehen zu schnell an, die wir alle später wiedersehen. Wir klatschen die Schulkinkinder ab und laufen in die erste Steigung.

Die Landschaft begeistert mich vom ersten Augenblick und ich bin bis zum Ende des Laufs in Chamonix geflasht von der Atmosphäre. Jeder, aber auch jeder, der Dir an der Strecke begegnet, feuert Dich an. Einheimische, Begleiter, Supporter, alle. Da auf der Startnummer der Vorname abgedruckt ist, feuert Dich auch jeder mit Deinem Vornamen an: “Allez, Thomas!” “Bravo, Thomas!” “Très bien, Thomas!” Und jedesmal fühlst Du Dich stolz, mit dabei zu sein.

Das Rennen verläuft mit vielen Höhen (-metern) und einem Tief in bzw. nach Vallorcine. Ich bin richtig platt und habe den ganzen Downhill über Angst zu fallen. In Vallorcine mache ich dann ein ausgiebigeres Päuschen und erhole mich aber dann doch sehr schnell. Es geht weiter in moderatem Gelände nach Argentière. Dort steht noch einmal der Anstieg nach La Flégère an. Einige überziehen auch jetzt noch, obwohl hier einer der gefühlt steilsten Anstiege ist. Durch die Breite der zu ersteigenden Skipiste, scheinen ein paar Läufer den Anstieg zu unterschätzen und müssen stehend und heftig schnaufend pausieren. Einer übergibt sich sogar laut würgend. In La Flégère angekommen, weiß ich, dass ich so gut wie durch bin und laufe die letzten 8 km, so weit ich das in Erinnerung habe, in einem euphorischen Zustand “nach Hause”. Ich begegne noch einem der PTL Teams, die bereits seit Tagen auf den Beinen sind und wenig lebensfroh aussehen. Ich denke noch: “Wie die beiden möchte ich mich jetzt nicht fühlen” und laufe weiter Richtung Chamonix.

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Der Zieleinlauf nach Chamonix ist dann auch noch einmal etwas ganz Besonderes. Jeder wird empfangen wie ein König, schon beim Passieren des Ortsschilds. Auch wenn hier die Zuschauer nur sporadisch stehen bekommt jeder Läufer seinen Applaus. In Richtung Ziel verdichtet sich das Publikum und jeder wird angefeuert und gefeiert, bis er endlich im Ziel ist. Ich bin schließlich im Ziel, trinke mein Finisher-Bier und esse was ich im Zielbereich angeboten bekomme. Einige Minuten im Trubel genieße ich meinen persönlichen Triumph und habe Glück, ich muss nur 100 Meter bis in die Badewanne.

Nach dem Rennen ist mir eines klar, ich möchte wiederkommen.

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